Samstag, 2. April 2016
Andere bringen von Kurztrips nach Görlitz Kippen mit, oder Bunzlauer Keramik, oder zumindest Touristenfotos vom Flüsterbogen und dem Schuhladen, in dem Kate Winslet damals Schuhe kaufte.
Ich bringe Magen-Darm. Auch schön.
Ansonsten war es sehr nett, meine Schwestern und Familie zu sehen, auch wenn sechs Kinder zwischen 1 und 11 Jahren sehr anstrengend sein können, vor allem wenn eines davon (m)ein kleiner Traumtänzer ist, der sich von jedem Blümchen am Wegesrand ablenken lässt, der Rest eher Draufgänger, die vorausstürmen und die Älteste still und leise vor sich hin pubertiert, ohne so recht zu wissen, wohin mit sich. Dazwischen wurde gelästert, verhört, getrunken und gewettet.
Was mir wie jedes Mal auch diesmal wieder auffiel, war, dass Görlitz quasi außerhalb jeder gewohnten Zivilisation liegt. Einen Tag hat man nur polnisches Netz, einen Tag gar keines, und stolpert man zufällig über einen W-Lan-Hotspot, kramen alle panisch ihre Handys heraus, um wenigstens die neuesten Nachrichten zu laden. Oh Gott, ein W-Lan, schnell, bevor es davongaloppiert! Falls es jemandem ähnlich gehen sollte: Am Dicken Turm gibt es dreißig Minuten am Tag für umsonst, und während wir Erwachsenen (haha. Dass ich das mal sagen würde.) auf den Bänken in der Sonne saßen und uns Fetzen von Neuigkeiten zuriefen, die Pubertantin WhatsApp-Nachrichten von ihrem Freund las und der junggebliebene Familienvater Geocaches jagen ging, begutachtete mein Söhnchen die Blumenrabatten und alle anderen Kinder turnten im Brunnen herum. Sonntagsidylle pur.
Der Montag brachte, wie gesagt, Magen-Darm, Schweißausbrüche, Krämpfe und andere Unschönheiten, auf die ich hier nicht weiter eingehen will. Zuerst waren die Gin&Tonics (Plural.) des Vorabends hauptverdächtig, aber es hat der Reihe nach noch andere Verwandte erwischt, bis der WhatsApp-Gruppenchat voll war mit Tipps von Tabletten bis Wärmekissen und Sätzen wie "Ich hab seit gestern nicht mehr gekotzt!" plus stolzes Emoji.
Zum Schluss
Samstag, 26. März 2016
Was für eine Woche, die hinter mir liegt!
Ich bin quasi im Zickzack durch die Stadt gehetzt, habe mich zwischen Arbeit, Bibliothek, Stadtarchiv und natürlich Kind zerteilt, nebenbei mit dem Einschreibe-Tool gehadert, das wie immer nicht tut, was es soll. Im Studienverlauf fehlt mir nicht mehr viel im Hauptfach, eigentlich nur das Mittelalter. Leider kann ich mich gerade dort noch nicht einschreiben, wegen Verwicklungen von vor drei Jahren, die jetzt hier zu weit gingen. Aber ich hab es ja schon mehrmals erwähnt - für Historiker gehen die Uhren etwas anders. Was ist schon eine Woche, wenn man normalerweise in ganz anderen Epochen denkt?
Das sorgt manchmal auch für schizophrene Anflüge. Beim Zeitunglesen im Archiv vergaß ich kurz, dass ich mich im Jahr 1889 befand, und stutzte über die Schlagzeile "Neunter Frauenmord in Whitechapel". Schon wieder? Ach, Moment. Es ist wirklich schwer, sich auf den wissenschaftlichen Tunnelblick zu besinnen und nicht zum Beispiel den neuesten Klatsch und Tratsch aus Europas Herrscherhäusern zu verfolgen.
Vom Unikram (Hausarbeit erwähne ich schon gar nicht mehr) abgesehen, war meine Woche aber äußerst produktiv. Ich habe mich wieder frisch für eine Idee begeistert, die mir seit über einem Jahr im Kopf herumspukt, und stecke jetzt mitten in den Planungen. Zuviel soll hier nicht verraten werden, nur: Ich werde demnächst unter Beweis stellen müssen, ob ich meine guten Noten in Werken wirklich verdient habe. Und dann so:
Ich habe sogar Listen (Yaaay), Konstruktionspläne (yaay) und Skizzen (Woohoo) angelegt, Flächen berechnet, Baumaterialien verglichen, Lieferanten herausgesucht und und und.
Donnerstag, 24. März 2016
Letztens habe ich erwähnt, dass ich als sächsischer Eingeborener meine Heimat sehr mag, mit all ihrer kulturellen Vielfalt und den Traditionen, die ich mir nicht von rassistischen Mobs und anderen Idioten kaputt machen lassen möchte. Mein Mann, seines Zeichens Preuße und eingefleischter Kulturbanause, musste über diesen Satz sehr lachen und konnte sich nicht vorstellen, was ich mit "kultureller Vielfalt" meine. Nun kann man es ihm nicht ganz verdenken, weil er a) eine topographische Niete ist und bisher nicht wusste, dass zum Beispiel Erzgebirge und Vogtland in Sachsen liegen und b) in Leipzig wohnt, wo es mehr Zugezogene als Sachsen gibt und allgemein viele der Bräuche, die ich aus meiner Kindheit kenne und damit meinte, gar nicht gibt.
Ich komme aus der Oberlausitz, und zwar mitten aus dem Herzen. Die sächsische Oberlausitz umfasst die Landkreise Bautzen und Görlitz, dann gibt es noch kleinere Teile in Polen und Brandenburg. Hier gab es bis vor hundert Jahren noch Landstriche mit ausschließlich sorbischer Bevölkerung, die oft ausschließlich sorbisch sprach. Die Sorben sind in der sächsischen Verfassung als schützenswerte Minderheit verankert, haben viele Sonderrechte und eine Interessenvertretung, die Domowina. Wer durch die Oberlausitz fährt, dem fallen meist die zweisprachigen Ortsschilder auf, und die deutschen Ortsnamen haben fast alle slawische Ursprünge (Leipzig auch, übrigens). Die Sächsische und besonders die Geschichte der Lausitz sind eng mit den Sorben, mit der böhmischen und schlesischen Geschichte verknüpft.
Obwohl ich also selbst keine Sorbin bin, waren die Sorben eine prägende Kraft in meiner Kindheit. Im Kindergarten haben wir Vogelhochzeit gefeiert, sorbische Hematmuseen besucht und die berühmten Ostereier bestaunt. Als Kind habe ich mich für Sagen und Märchen begeistert, und fast alle Oberlausitzer Sagengestalten sind sorbischen Ursprungs, vom bekanntesten Märchen, Krabat, ganz abgesehen. Sie sind verbunden mit realen Orten, Landschaften, Bergen, und immer, wenn ich von Leipzig aus mit dem Zug nach Osten fahre, freue ich mich, wenn die ersten vertrauten Ansichten auftauchen.
Und weil ich nunmal ein Frühlingsmensch bin, haben es mir auch die Frühlings- und Osterbräuche am meisten angetan. Ich liebe die kleinen gebackenen Vogelnester, die man im Januar bei allen Bäckern kaufen konnte, die kunstvollen Ostereier, die Reiterprozessionen - und egal wem ich hier davon vorgeschwärmt habe, ob meinem Mann, Freunden oder den armen Bäckern, immer wurde ich nur verständnislos und ein bisschen mitleidig angesehen. Aber genug der Schwärmerei - was macht denn nun Ostern in der Oberlausitz so besonders?
Sonntag, 20. März 2016
Nun sind es also drei Jahre. Was hat sich getan?
Vor drei Jahren kam ich zu Hause an, mitten im Schneesturm, mit einem schlafenden Baby im Gepäck, und wusste plötzlich nicht mehr, was ich tun soll. Ich war nur drei Tage im Krankenhaus geblieben, schließlich war ich bereits zwei Minuten nach der Geburt wieder aufgestanden, es bestand also kein Grund, mich länger als nötig ins Bett zu verbannen. Wie immer, wenn ich Fremde um mich hatte, kam ich mir fehl am Platz vor, konnte meine Bettnachbarin nicht ausstehen, und ihr besserwisserischer Mann ging mir auf die Nerven. Ich wollte allein sein und mich in Ruhe an das kleine Menschlein gewöhnen. In den ersten Wochen kam auch regelmäßig meine tolle Hebamme vorbei, sodass ich zwar immer noch ratlos und verwirrt, aber wenigstens nicht auf mich allein gestellt war.
Wenn ich mir meinen Sohn heute ansehe, bin ich sehr stolz. Nach der Verzweiflung, der Erschöpfung und der Ratlosigkeit der ersten Monate habe ich heute ein Kind, das selten krank ist, alles isst, wissbegierig und aufmerksam und generell einfach lieb ist. Er macht es mir leichter, alles unter einen Hut zu bringen. Ich merke zwar deutlich, wie viel schwerer das (Studenten-)Leben ist, wenn man Kinder hat. Die Einschränkungen, der Mehraufwand sind da, und jeder Vormittag, den ich mir mal für mich nehmen kann, ist Gold wert.
Aber: Seit ich wieder studiere, bin ich zielstrebiger geworden, konzentrierter und organisierter. Ich plane meine Semester nicht nur in Hinblick auf passende Tagesabläufe ohne fünfstündige Pausen, sondern auch auf den Studienabschluss, den ich wahrscheinlich sogar in der Regelstudienzeit schaffen werde. Das hat auch den Grund, dass ich im Master wieder Bafög-Anspruch habe (Bafög! Wuhu!), aber vor allem damit, dass ich mir Gedanken darüber mache, welches Umfeld ich meinem Sohn bieten möchte. Dass ich ihm auch Vorbild sein will. Vorbildsein: das ist das Erschreckende am Elternwerden, dass man plötzlich aufpassen muss, ein gutes Vorbild zu sein. Ständig zum Nach- und Überdenken gezwungen ist. Das ist unglaublich beängstigend.
Auf ins nächste Jahr!
Samstag, 19. März 2016
Wir waren im Kindergarten!
Zusammen mit anderen Eltern. Eine sehr skurrile Situation - alle wissen, dass es nur diesen einen Platz gibt, und alle wollen ihn. Man hat die ganze Zeit das Gefühl, man müsse jetzt beweisen, wie sehr man ihn verdient hat, muss ein bisschen engagierter als die anderen sein, ein bisschen bedürftiger. Natürlich entscheiden am Ende Prioritäten und festgelegte Kriterien, nicht die Sympathie, aber das Gefühl bleibt.
Den größten Teil der Woche habe ich in Bibliotheken und Archiven verbracht, mich geärgert und prokrastiniert, Fliegen an der Wand angestarrt und Stichpunkte in den Computer gehämmert. Wie immer wird der richtige Workflow erst auf den letzten Metern einsetzen, bis jetzt wälzt sich die Hausarbeit wie ein zäher Klumpen vorwärts. Die relevante Literatur ist über Zweigstellen in ganz Leipzig verstreut, und sich durch "digitalisierte", also eigentlich nur abfotografierte Medien zu wühlen, ohne einfach Strg+F drücken zu können, kostet Zeit, Zeit, Zeit und Nerven. Kaffeetrinken darf man auch nicht. Meh.
Tweetiebird
Dafür habe ich einen Twitter-Account eingerichtet. Irgendwie habe ich Twitter nie so richtig verstanden, aber wenn man sich ein paar Stunden damit befasst. Und immerhin hatte ich nach zwei Stunden den ersten Follower, helau. Lustigerweise wollte ich nur einem Leipziger Blog über Bier folgen, und stellte dann fest, dass es sich um einen Bekannten meines Mannes handelt. Leipzig ist eben, das stell ich immer wieder fest, ein Dorf. Genauso habe ich über Twitter festgestellt, dass meine Arbeitskollegin Louise eine Leipziger Bloggerin und Slammerin ist. Zum weiteren Stalken von nahen und entfernten Bekannten bin ich nicht gekommen, und viel hab ich auch noch nicht getwittert, für meine nach drei Tagen schon drei Follower.
Und hier ist er, der erste Tweet:
Leselust
Es ist Buchmesse. Früher mochte ich die Buchmesse. Heute mag ich nur noch die vielen Veranstaltungen drumherum, in der Stadt, in Clubs, in Cafés, alles dreht sich ums Lesen, und das ist toll. Lokale Autoren, Verlage, Künstler, intelligente und schöne Menschen treffen sich und teilen ihre Freude am Lesen. Die Messe selbst ist mir zu teuer, zu voll, zu Manga.
Um tatsächlich zu Veranstaltungen zu gehen, so gern ich das auch tun würde, bin ich meistens zu beschäftigt. Am Wochenende arbeite ich, dann hab ich ja auch noch mit Uni (Hausarbeit!) und Kind zu tun, es will einfach nicht klappen, dass ich mal einen Abend frei habe. Vielleicht nehme ich trotzdem ein paar Lesungen mit, und wenn, dann definitiv eine von denen:
- Julius Fischer, der einzige ernstzunehmende Promi im MDR, liest in der Zentralbücherei für Blinde (19. März, 16:00). Das erste mal von Julius Fischer gehört habe ich noch in meiner Schulzeit, als ich die Schul-Lesebühne mitorganisiert habe. Mein absoluter Lieblingswitz, den ich bis heute des öfteren zitiere, stammt von ihm: "Ich male ein Bild aus Kot und Kaffeesatz und nenne es: Der Morgen in mir.".
Poesie.
- Sputnik LitPop im Neuen Rathaus, u.a. mit einer meiner Lieblings-YouTuberinnen und vielen anderen interessanten Schreiberlingen. 19. März, 18:00.
- Nacht der Lesebühnen im UT Connewitz, 20. März, 20:00. Präsentiert von LiveLyrix mit den üblichen Verdächtigen, deswegen ein schöner Abschluss, wenn man es sonst nirgends hinschafft.
Neuere Posts
Ältere Posts