Donnerstag, 27. Oktober 2016

Tagträumer-Trauma

(c) Bespoke Laser


Ich bin ein ewiger Schlendrian. Je älter ich werde, desto besser wird es, ich organisiere mich, ich hefte ab, ich erstelle tausend Reminder und arbeite effektiver und gründlicher und und und... stehe regelmäßig vor einem riesigen Berg an Unerledigtem, bekomme plötzlich einen Schock, weil ich diese eine wichtige Sache vergessen habe, und höre sofort die Stimme meiner Mutter, die mir wieder und wieder predigt, ich solle nicht so viel vergessen. Deadlines, Unterlagen, immer wenn ich denke, ich hätte alles im Griff, kommt etwas, das ich nicht auf dem Schirm hatte und das alles über den Haufen wirft.

Schon als Kind war ich ein Träumer, nie ganz in der Realität, sondern immer ein bisschen neben der Spur. Solange ich zurückdenken kann, war "Ach, die Marianne..." ein gängiger Seufzer in meiner Umgebung und ist es bis heute. Auf Kinderfotos starre ich in die Luft, mit glasigen, aufgerissenen Augen, wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Mein Sohn hat exakt den selben Blick, nur sind seine Augen leuchtend blau statt braun.

Ich bin froh, dass ich auf dem Dorf aufwachsen durfte. Überall sonst wäre ich hoffnungslos verloren gewesen, wäre ohne nachzudenken mit jedem Fremden mitgegangen oder hätte einfach vergessen, wo ich bin. Auch heute bleibe ich größtenteils aus Angst in Leipzig, mich anderswo nicht zurechtzufinden, was Quatsch ist, weil ich in allen Städten bisher festgestellt habe, dass ich mich schon nach kurzer Zeit viel besser orientieren konnte als meine jeweiligen Begleiter.

Diese Woche warf ich einen Blick in die Prüfungsordnung und erschrak, weil ich nicht mitbekommen hatte, dass ich längst ein Latinum nachweisen müsste, um die Bachelorarbeit beantragen zu können. In meinem eigenen Plan habe ich es aber frühestens nächstes Semester. So etwas wirft mich immer aus der Bahn, wieso habe ich das auch aufgeschoben, warum habe ich nicht eher nachgelesen, was sage ich nur meinem Betreuer, was meinen Freunden und Familie, und warum warum warum bin ich nur immer so vergesslich.




Das Wichtigste, was ich im Studium bisher gelernt habe, ist: Alles halb so schlimm. In Wirklichkeit sitzen in der Uni keine Paragraphenreiter und Bürokraten, sondern Menschen, mit denen man reden kann. Von anderen Fakultäten habe ich schon anderes gehört, aber Geisteswissenschaftler sind ja immer ein bisschen anders. Vielleicht sind unter ihnen genug Trödler und Träumer, oder vielleicht wissen sie, dass es Wichtigeres gibt als Konformität, oder vielleicht haben sie einfach nur kein Interesse daran, jungen Menschen die Zukunft zu verbauen. In jedem Fall hören sie sich das Problem an, winken ab und sagen "Das passt schon."

Und auch wenn  ich jedes einzelne Semester ankomme, kam bisher noch keiner auf die Idee zu sagen: "Ach, Frau Ziegenbalg... seien Sie doch nicht immer so vergesslich!"
Freitag, 21. Oktober 2016

Welcome, WS 16/17

Es ist geschafft, das fünfte Semester - mit nur drei Wochen Verspätung (*hust*) habe ich heute die letzte Hausarbeit abgegeben.

Ja, schon wieder Verspätung.

Ja, Studieren mit Kind kann einem ganz schön die Planung zerhauen.

Nein, ich bin wie immer nicht zufrieden. Aber wenn jetzt jemand kommt und fragt, wie eigentlich die sächsischen Staatsfinanzen unter Friedrich dem Weisen aussahen, kann ich zumindest eine halbstündige Antwort geben. Und nebenbei meine etwas weirde Begeisterung für Verwaltungsgeschichte kundtun.

Außerdem bin ich immer noch nirgends eingeschrieben, unter anderem deswegen:



Aber das macht nichts, denn eigentlich habe ich fast alle Credits zusammen, und die Bachelorarbeit rückt tatsächlich langsam in greifbare Nähe. Mein Wunschbetreuer ist (fast) überzeugt, ein Thema zumindest grob umrissen, und wenn ich es jetzt noch schaffe, mein Latinum zu bestehen, darf ich mich in gerademal zehn Monaten Bachelor of Arts schimpfen und muss nie wieder meiner Mutter die Frage beantworten, ob das mit dem Studium denn jetzt auch wirklich nicht zu schwer für mich ist.

Dienstag, 4. Oktober 2016

Semesteranfang

Plagwitz halt.

Es ist, wie es immer ist: Mein Leben ist zu schnell, die Tage zu vollgestopft, um abends auch noch zu bloggen, ich bin ruhelos und gehetzt. Heute verirrte ich mich auf den Campus, um in Ruhe meine Hausarbeit weiter zu schreiben, und fand mich plötzlich mitten in der Erstsemester-Einführungswoche, zwischen pickeligen Großkotzen und Mädchen mit Zahnspangen, alles war voller Geschnatter und Gekicher und "Meeegaaa!"-Rufen und prallen Primark-Tüten, und ich fragte mich nicht nur, wann ich eigentlich so furchtbar alt geworden bin, sondern auch, seit wann Studienanfänger so dumm sein dürfen.

Alle Gespräche, die ich hören musste, kamen mir so schrecklich oberflächlich vor, über den coolen Ruf Leipzigs und süße Schuhe und noch süßere Dozenten, über die Tücken des ersten eigenständigen Wäschewaschens und was man später mal werden will.

Irgendwann gelang es mir, das Hintergrundgeräusch balzender BWL-Anfänger auszublenden und tatsächlich fünf Seiten zu schreiben, drei Seiten ohne Deckblatt und Inhaltsverzeichnis, und verzog mich nach ein paar Stunden deprimiert in die Mensa.

Nebenbei schrieb die Fakultät mir, dass ich das Modul, das ich eigentlich belegen wollte, nicht belegen dürfe, sodass ich ohne Plan und ohne für eine einzige Prüfungsleistung angemeldet zu sein in mein 6. Fachsemester starte. Da die dazugehörige Vorlesung allerdings von dem Professor gehalten wird, bei dem ich auch gerne meine BA schreiben will, werde ich trotzdem hingehen.

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