Dienstag, 19. April 2016

Überflussgesellschaft

Ich habe einen schönen, schwierigen Artikel gelesen. Schön deswegen, weil er mir aus der Seele spricht, weil ich genau diese Situationen kenne, weil ich über solche Dinge viel nachdenke. Schwierig deswegen, weil ich in diesem Artikel eine andere Rolle einnehmen würde, weil das Thema mich, oft genug unangenehm, berührt und dazu geeignet ist, Menschen aneinander geraten zu lassen. Und es fällt mir sehr schwer, darüber zu schreiben, weil ich eben dieses Aneinandergeraten überhaupt nicht will.

Es geht um Überfluss. Ums Schenken. Um den Wert der Dinge.

Als ich klein war, war die Sache klar: Geschenke gibt es zum Geburtstag und zu Weihnachten, vielleicht noch Schokolade zu Ostern. Kleine Geschenke gibt es von den Eltern, große von den Großeltern. Darauf konnte man sich verlassen, darauf konnte man sich freuen. Viele Kinder bekamen mehr als ich, manche weniger, so war das eben, und von Oma und Opa wünscht man sich die teuren Sachen, so ist das noch heute bei mir.

Bei meinem Kind ist das ein bisschen anders. Mein Sohn hat nicht nur ein Paar Großeltern, sondern drei, dazu die Urgroßeltern, und drei Tanten, und seine Eltern haben Freunde. Und er hat uns, die wir beide auch Mangel kennen und natürlich wollen, dass ihm nichts fehlt. Gleichzeitig soll er den Wert von Dingen erkennen, Sachen zu schätzen wissen und lernen, dass manche Dinge einfach höhere Ziele sind als andere, dass Geschenke nicht auf Bäumen wachsen und ein Wunsch nicht immer sofort erfüllt werden kann. Er weiß nicht, was Geld ist, außer, dass wir es manchmal haben und manchmal nicht, ohne zu verstehen warum.


Die Autorin beschreibt ihre Eltern, die, gegen ihren Willen und zu ihrem Verdruss, ihrem Sohn zu Ostern ein drittes Fahrrad schenken. Das ist ein Luxusproblem, und trotzdem eines, das sie ärgert. Sie schreibt auch über die Schwierigkeit, einem Kind zu erklären, warum es nicht jeden Tag ein Eis bekommen soll, dass ein Eis ein "Extra" bleiben soll, und dass das manchmal einfach nicht zu begründen ist, weil das Kind all die pädagogischen Gedanken natürlich nicht versteht, und dass es für jemanden, der es sich tatsächlich nicht leisten kann, jeden Tag ein Eis zu kaufen, in gewisser Weise einfacher ist, aber dann schämt man sich wieder für den Gedanken, und so weiter und so fort.

Diesen Part verstehe ich gut, vor allem, weil es Zeiten gab, in denen ich das Geld für dieses eine Eis am Tag mit meinem Sohn tatsächlich bewusst beiseite legen musste, und ab und zu sagen musste: Nein, heute geht das nicht. Und weil Kinder dieses Gespür haben, wann Dinge ernst sind, hat er das verstanden (was es für mich nicht einfacher macht) und sich damit begnügt, dem Eismann zuzuwinken.

Ich habe mich dieses Jahr zu Ostern über einen Teil meiner Familie geärgert, und gleichzeitig darüber, dass mich das ärgert. Noch mehr, weil es ein Teil ist, von dem ich profitiere, weil ich regelmäßig Klamottenpakete geschickt bekomme, die dafür sorgen, dass ich sehr wenig Geld für Kindersachen ausgeben muss, was eine ungeheure Erleichterung ist. Es sind Kleidungsstücke, die ich nie kaufen würde, weil Autos und Dinosaurier drauf sind, aber die mein Sohn abgöttisch liebt, weil Autos und Dinosaurier drauf sind. Ein Teil der Familie, dem es wirtschaftlich sehr gut geht, die viel haben, viel geben und deren Kinder in ihrem Leben niemals Geldsorgen erfahren haben oder werden, worüber man froh sein kann.

Trotzdem habe ich mich geärgert, weil ich für meinen Sohn ein kleines Osternest versteckt hatte, in das andere Verwandte noch Bücher, Stifte und andere Kleinigkeiten beisteuerten. Und dann zugesehen habe, wie andere Kinder einen Geschenkeberg nach dem anderen aus den Büschen zerrten, und die Geschenke immer größer und teurer wurden. Ehrlich gesagt, zum Fahrrad fehlte nicht mehr viel. Meinen Sohn interessierte das nicht, er war viel zu sehr mit seinen neuen Büchern beschäftigt, aber mir war das peinlich, weil ich ihm nicht hätte sagen können, warum er nicht auch so viel bekommt, wo er es doch offensichtlich genauso verdient hat, und die fraglichen Kinder so im Überfluss leben, dass die meisten Geschenke ohnehin nach zwei Wochen vergessen sind. Von dem ganzen christlichen Gedanken ist bei mir ohnehin nicht so viel übrig, aber Ostern ist auch bei mir einfach kein Geschenkefest.

Ebenfalls zu Ostern habe ich mich mit meinem Schwager darüber unterhalten, der wissen wollte, warum mich und seine Frau (aka meine Schwester) Verschwendung so ärgert. Ich erklärte ihm, dass es mich wahnsinnig macht, wenn jemand Wurst oder Käse ohne Brot isst, ohne richtig sagen zu können, warum eigentlich. Er lachte, weil meine Schwester in diesem Punkt genauso ist, obwohl in keiner unserer beider Familien ausgerechnet am Essen gespart wird. Es ärgert mich, wenn Dinge aus Unachtsamkeit kaputt gehen, und mein Mann sagt "Nicht so schlimm, kaufen wir neu." Ich kenne Menschen, die mit fremdem Eigentum umgehen, als hätten sie es zufällig im Müll gefunden, und bei dem Hinweis, es könne kaputt gehen, tatsächlich nur erwidern: "Dann kauf ich dir ein Neues." Diese Wegwerfmentalität, die am Ende auch dafür verantwortlich ist, dass Menschen bei Primark Sachen kaufen, die keine zwei Wäschen aushalten, aber dafür ja auch billig sind und ersetzt werden können, finde ich grauenvoll.

Mir kommt das so vor, als würde ich aufhören, mir die Zähne zu putzen, wenn ich eine Zahnzusatzversicherung hätte und mir einfach Neue machen lassen könnte. Natürlich putze ich mir die Zähne, aber nicht, weil ich mir weiteren Zahnersatz nicht leisten kann, sondern weil es meine eigenen Zähne sind und die bitteschön so lange halten sollen, wie es geht, selbst wenn falsche Zähne alles in allem robuster und pflegeleichter sind. Ich bin kein Weltverbesserer. Mir graut nur vor einer Welt des Überflusses, in dem Dinge keinen Wert mehr besitzen, wenn sie mir buchstäblich nichts mehr wert sind.

Wenn ich sage: Ich mag es nicht, dass meine Verwandten ihren Kindern viel mehr schenken als ich meinem, klingt das hässlich, nach Vorwürfen und Sozialneid. Dabei meine ich das nicht so. Ich gönne Menschen Reichtum und Wohlstand, ich gönne Kindern Geschenke, ich gönne jedem den Luxus, sein Leben so gestalten zu können, wie er es sich vorstellt. Ich frage mich nur, ob und wie ich meinem Kind Wert von Dingen, von Geschenken, von Ressourcen und am Ende auch Lebewesen beibringen soll. Solange wir in unserer kleinen schönen Welt im Westen von Leipzig leben, ist alles gut. Was aber, wenn die Welt größer wird, die Wünsche größer werden?

Darauf habe ich bisher noch keine Antwort gefunden.

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