Donnerstag, 24. März 2016

Ostern in der Oberlausitz

Letztens habe ich erwähnt, dass ich als sächsischer Eingeborener meine Heimat sehr mag, mit all ihrer kulturellen Vielfalt und den Traditionen, die ich mir nicht von rassistischen Mobs und anderen Idioten kaputt machen lassen möchte. Mein Mann, seines Zeichens Preuße und eingefleischter Kulturbanause, musste über diesen Satz sehr lachen und konnte sich nicht vorstellen, was ich mit "kultureller Vielfalt" meine. Nun kann man es ihm nicht ganz verdenken, weil er a) eine topographische Niete ist und bisher nicht wusste, dass zum Beispiel Erzgebirge und Vogtland in Sachsen liegen und b) in Leipzig wohnt, wo es mehr Zugezogene als Sachsen gibt und allgemein viele der Bräuche, die ich aus meiner Kindheit kenne und damit meinte, gar nicht gibt.


via commons.wikimedia.org, CC-BY-SA 2.0


Ich komme aus der Oberlausitz, und zwar mitten aus dem Herzen. Die sächsische Oberlausitz umfasst die Landkreise Bautzen und Görlitz, dann gibt es noch kleinere Teile in Polen und Brandenburg. Hier gab es bis vor hundert Jahren noch Landstriche mit ausschließlich sorbischer Bevölkerung, die oft ausschließlich sorbisch sprach. Die Sorben sind in der sächsischen Verfassung als schützenswerte Minderheit verankert, haben viele Sonderrechte und eine Interessenvertretung, die Domowina. Wer durch die Oberlausitz fährt, dem fallen meist die zweisprachigen Ortsschilder auf, und die deutschen Ortsnamen haben fast alle slawische Ursprünge (Leipzig auch, übrigens). Die Sächsische und besonders die Geschichte der Lausitz sind eng mit den Sorben, mit der böhmischen und schlesischen Geschichte verknüpft.

Obwohl ich also selbst keine Sorbin bin, waren die Sorben eine prägende Kraft in meiner Kindheit. Im Kindergarten haben wir Vogelhochzeit gefeiert, sorbische Hematmuseen besucht und die berühmten Ostereier bestaunt. Als Kind habe ich mich für Sagen und Märchen begeistert, und fast alle Oberlausitzer Sagengestalten sind sorbischen Ursprungs, vom bekanntesten Märchen, Krabat, ganz abgesehen. Sie sind verbunden mit realen Orten, Landschaften, Bergen, und immer, wenn ich von Leipzig aus mit dem Zug nach Osten fahre, freue ich mich, wenn die ersten vertrauten Ansichten auftauchen.


via commons.wikimedia.orgCC-BY-SA 2.0


Und weil ich nunmal ein Frühlingsmensch bin, haben es mir auch die Frühlings- und Osterbräuche am meisten angetan. Ich liebe die kleinen gebackenen Vogelnester, die man im Januar bei allen Bäckern kaufen konnte, die kunstvollen Ostereier, die Reiterprozessionen - und egal wem ich hier davon vorgeschwärmt habe, ob meinem Mann, Freunden oder den armen Bäckern, immer wurde ich nur verständnislos und ein bisschen mitleidig angesehen. Aber genug der Schwärmerei - was macht denn nun Ostern in der Oberlausitz so besonders?

Osterreiten


Ah, mein Lieblingsbrauch, eine große Touristenattraktion, das Highlight des Frühlings für die Sächsische Zeitung, und trotzdem erschreckend unbekannt unter allen, die ich gefragt habe.


via commons.wikimedia.orgCC-BY-SA 2.0

Die Osterprozessionen haben eine lange Tradition und lassen sich bis ins vorreformatorische Mittelalter zurückverfolgen, manche vermuten die Ursprünge in heidnisch-slawischen Bräuchen. Heute dienen sie der Verkündung der Auferstehung Christi und werden auch Kreuzprozessionen genannt. Die älteste noch bestehende Route ist die zwischen Ralbitz und Wittichenau, die durchgehend seit 1541 belegt ist. Es nehmen (von Wittichenau aus) mehr als 450 Reiter teil. An Start- und Zielort werden Gottesdienste gefeiert und Glocken geläutet, und unterwegs Rosenkränze gebetet und gesungen.

Viel Wissenswertes über das Osterreiten findet man hier.

Osterwasser und Ostersingen


Wie gesagt habe ich als Kind viel Märchen und Sagen gelesen. In einem meiner Sagenbücher war auch vom Osterwasser die Rede. In der Nacht zum Ostersonntag ist es Brauch für unverheiratete Mädchen, zu einem Bach zu ziehen, sich das Gesicht zu waschen und/oder einen Krug voll Wasser mitzunehmen. Das soll jung halten, schön machen und Glück in der Liebe bringen - außer, wenn man den Fehler macht, auf dem Weg auch nur ein Wort zu reden. Dann gibt es Pickel und der ganze Segen ist dahin.


via welt.de


Ebenfalls in dieser Nacht findet das Ostersingen statt, bei dem Mädchen und Frauen von Haus zu Haus ziehen und die Auferstehung Jesu verkünden, meistens verknüpft mit dem symbolischen Sieg des Lebens (Licht) über den Tod (Dunkelheit).

Ostereier in allen Variationen


In der Lausitz gibt es eine lange Tradition des Ostereierbemalens. Das klingt zwar nach einer Beschäftigung für Kindergartenkinder, und ja, auch wir haben im Kindergarten mit Wachs ausgeblasene Eier betupft, wird hier allerdings zu einer Kunstform, die von Generation zu Generation weitergegeben wird - nicht nur das Bemalen, auch die Eier selbst. Die Techniken sind vielfältig, von Wachs und Farbe, die aufgetragen werden, zu verschiedenen Kratztechniken oder Besticken. Die Muster sollen möglichst filigran und kunstvoll sein und sind oft Frühlingssymbole.


Wachsreservetechnik (c) www.spreewald-info.de

Kratztechnik (c) www.spreewald-info.de

Und damit verabschiede ich mich in die Osterpause, reise (ganz) nach Osten und ernähre mich drei Tage von Schokolade und Bier. Frohe Ostern!

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