Dienstag, 25. August 2015

Brichst du auf gen Ithaka... Wo ist Heimat?

Görlitz hat in den letzten Jahren einen erstaunlichen Hype erlebt, der sicherlich nachvollziehbar ist, wenn man sagen wir mal aus Amerika kommt und noch nie ein Gebäude gesehen hat, das älter als 150 Jahre ist. Dann muss einem die Stadt vorkommen wie einem Disney-Film entsprungen.

(c) Goerlitzinformation; CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons (c) Mylius; GNU via Wikimedia Commons

(c) Mylius; GNU via Wikimedia Commons


Hollywood jedenfalls hat Görlitz als ultimative Kulisse entdeckt - ob nun Jackie Chan über den Untermarkt schwingt, Kate Winslet hier Straßenbahn fährt oder das ehemalige Karstadt am Marienplatz gleich mal zum "Grand Budapest Hotel" wird - Geschichten und Bilder aus "Görliwood" gibt es genug.



(c) RTLNow via http://www.goerlitz-filmstadt.de

Als jemand, der widerwillig dort aufgewachsen ist, freue ich mich natürlich für die Stadt und die Region. Und ja, Görlitz ist hübsch anzusehen. Die gut erhaltene und noch besser renovierte Altstadt mit über 4000 denkmalgeschützten Gebäuden ist der Traum jedes (Kunst-)Historikers. Es ist eine angenehme Erfahrung, eine Brücke zu überqueren und sich plötzlich in einem anderen Land wiederzufinden, ohne Schranke und fühlbare Grenze, ohne Passkontrolle - einfach mal Weltbürger sein, das geht so.

Was bleibt

Aber wenn man damit durch ist, mit Häusergucken, Schlendern, Piroggenessen und Kirchenbesichtigen, wenn man sich an all der Geschichte sattgesehen hat, merkt man, dass Görlitz am Ende auch nur eine weitere langweilige, ostdeutsche Kleinstadt mit einer immer älter werdenden Bevölkerung und viel zu vielen Arbeitslosen ist. Diejenigen meiner Klassenkameradinnen, die dort geblieben sind und weiter bleiben, sind mir fast vollkommen fremd geworden mit ihren seltsamen Träumen vom eigenen Haus und ihren Erzählungen über Menschen und Orte, die ich längst hinter mir gelassen habe.


Doch eh ein Mensch vermag zu sagen: schaut!
Schlingt gierig ihn die Finsternis hinab:
So schnell verdunkelt sich des Glückes Schein!
Shakespeare - Ein Sommernachtstraum

Ich frage mich, ob es ihnen mit mir genauso geht, ob ich für sie irgendwie auch so unbedeutend und fremd geworden bin, mit Problemen, die sie nichts angehen, und Vorstellungen vom Leben, die für sie belanglos sind. Görlitz war mir nie Heimat, obwohl ich die fünf wichtigsten Jahre meines Lebens dort gewohnt habe. So wie ich das Dorf, aus dem ich komme, mit meiner Kindheit verbinde, verbinde ich meine Jugend mit Görlitz, und es scheint mir, als wäre sie einfach verschwunden. Mit Görlitz verknüpfe ich vor allem die Krankheit meines Vaters, den Beginn seines langen, langen Sterbens, und das Gefühl, vollkommen allein auf der Welt zu sein, das mich seitdem oft beschwert.

Dieser Text sollte eigentlich ein Samstagskaffee werden, den ich vorbereiten wollte, weil ich an diesem Wochenende dort sein werde. Ich wollte eigentlich darüber schreiben, wie toll das Altstadtfest ist. Dass es das beste pseudomittelalterliche Stadtfest ist, das ich kenne. Dass ich jedes Mal, wenn ich dort war, mit meinen Eltern und Großeltern den besten Federweißer am immer gleichen Stand getrunken habe. Dass dort meine Oma erraten hat, dass ich schwanger bin, als wir auf dem Weg zu unserer glorreichen Oder-Neiße-Radtour Halt gemacht haben.

Dann habe ich gemerkt, dass ich mich nicht besonders darauf freue. Ich freue mich auf meine Schwester, die wegen ihrer Internatsgeschichte noch weniger mit Görlitz verbunden ist als ich. Ich freue mich auch auf meine Mutter, die nach Jahren wieder dort wohnt und mit der ich in Görlitz eine sehr schwierige Beziehung hatte. Ich freue mich auch darauf, alte Freunde wieder zu sehen, gemeinsam durch vertraute Straßen an vertrauten Ständen vorbei zu ziehen und einen Federweißer zu trinken.

Wahrscheinlich werde ich mir auch die Zeit nehmen, abends allein durch die Gassen zu spazieren und die schöne Görlitzer Altstadt zu genießen, mir die Lichter anzusehen, die sich in der Neiße spiegeln, den Berg zur Peterskirche hochzusteigen und mich in mein seltsames, verschlossenes 15jähriges Ich zurückzuversetzen, das dort stand und träumte.

Am meisten aber freue ich mich darauf, nach dem Wochenende zurück nach Hause zu fahren, zu meiner eigenen Familie, mit einem seltsamen Gefühl von Verlorenheit und dem Stress, der mit dem Alltag wieder zurückkommt, im Nacken.

Good old Leipzig.

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