Mittwoch, 17. Juni 2015

Krawall, Krawall!

Was können wir Ossis besonders gut? Richtig, unzufrieden sein. Und was tun wir mit all der Unzufriedenheit? Wir wenden uns wahlweise linken oder rechten Strömungen zu und schlagen alles kurz und klein.

Nicht, dass mich Leute, die das tun, nicht nerven würden. Es macht keinen Spaß, an Haltestellen mit abgefackelten Mülleimern und zerkloppten Scheiben zu warten. Es macht auch keinen Spaß, sich immer wieder montags für die 200 Würstchen fremdschämen zu müssen, die da als "Legida" zwei Meter spazieren gehen und damit mehr Aufruhr verursachen als nötig.

(c) dpa via faz.net



Aber noch weniger mag ich es, wenn Dinge unnötig hochgekocht, Leute in einen Topf geworfen oder seltsame pseudopsychologische Rückschlüsse auf einen Stadtteil, eine Stadt, ein Bundesland gezogen werden. Und auch wenn man die seltsame romantische Verklärung um Connewitz, angeblich ja das von Recht und Gesetz verlassene Paradies der autonomen Linken, finden kann wie man möchte, der Untergang der Demokratie wird dort garantiert nicht eingeleitet.

Ein schöner, unaufgeregter Kommentar in dem ganzen Medienchaos zu den Krawallen vor zwei Wochen stammt nun ausgerechnet von Christian Wolff:

Doch seit einigen Tagen wird so getan, als seien die Gewalttaten die Spitze des Eisberges einer linken Szene, die sich seit 25 Jahren in Connewitz und Plagwitz ungehindert hat entwickeln können – so, als ob man nun endlich rechte Gewalt gegen linke aufwiegen könne. Von den Gewalttaten sollen sich jetzt alle mit einem möglichst starken Empörungstremolo in der Stimme distanzieren – als ob, außer den Gewalttätern selbst, jemand ernsthaft diese Gewaltexzesse befürworten oder rechtfertigen würde.
Er geht auch auf den Vorwurf des sächsischen Innenministers ein, die "Zivilgesellschaft" müsse sich stärker positionieren - gerade in Leipzig vollkommener Blödsinn, denn:

Im Gegensatz zu Dresden haben sich in Leipzig von Anfang an wesentliche Teile der Stadtgesellschaft dem rechtsradikalen Treiben friedlich entgegengestellt und sind offensiv für die freiheitliche Demokratie eingetreten: der jeweilige Oberbürgermeister, Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, viele Einzelpersonen. Meistens haben die Aktionen mit einem Friedensgebet in der Nikolaikirche begonnen – ein deutliches Signal.
Und er kommt zu dem gleichen Schluss, den ich auch immer im Hinterkopf habe: Selbst 100 Idioten, die sich eine halbstündige Schlacht mit der Bereitschaftspolizei liefern, können einem demokratischen Rechtsstaat nicht ernsthaft gefährlich werden. Eine flexible Demokratie muss das aushalten können.

So ärgerlich und empörend die Gewalttaten der sog. linksautonomen Szene sind – eine politische Gefahr geht davon nicht aus. Denn viel mehr als die 150 Gewaltbereiten werden das nicht gutheißen. Anders verhält es sich mit den politischen Strömungen, die die rechten Strickmuster bedienen: Demokratie einschränken, Pluralität bekämpfen, Sicherheitsapparat ausbauen, Menschenverfeindung betreiben, das multikulturelle Zusammenleben verhindern, Ausländer ausgrenzen. Das ist eine politische Gefahr, die weit in die Gesellschaft hineinreicht. Niemand sollte sie unterschätzen. Darum macht sie unser aller Wachsamkeit erforderlich.
Übrigens: Im Januar hatte Legida in Leipzig immerhin 40.000 Gegendemonstranten.

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