Donnerstag, 2. April 2015

Menschen, die ich nicht bemerke

Ausgehend von einem Artikel bei Fadenvogel mache ich mir heute Gedanken über Menschen, denen man vielleicht nicht täglich, aber immer wieder begegnet, und die man kennt - aber irgendwie eben auch nicht.

Wo die alten Leute immer schimpfend an der Ecke stehen
Werd ich mich dazu gesellen und Zigaretten für sie drehen...
Element of Crime - Straßenbahn des Todes


Sie sprach zum Beispiel von ihrem DHL-Menschen. Der schmucke DHL-Mann, der uns die ersten zwei Jahre nach dem Zusammenziehen die Pakete brachte, war eine zeitlang der Mensch, den ich am häufigsten getroffen habe, als ich faul und immer schwangerer zu Hause saß und als Einzige im Haus Pakete angenommen habe.

Er hat fast jeden Tag geklingelt, mich nett gegrüßt und immer mal wieder nach dem Baby gefragt; hat ohne zu meckern ein Ausstattungspaket nach dem anderen noch bis ins Kinderzimmer geschleppt - das Bett, den Kinderwagen, tonnenweise Kleidungsstücke von der Verwandtschaft, die Wickelkommode und voreilige Windelpakete. Wenn ich ihn auf der Straße gesehen habe, hat er freundlich gegrüßt und manchmal schon ein Päckchen angekündigt. Er hat mir viel Kraft gewünscht, als ich mittags müde und noch im Schlafanzug mit einem schreienden Baby auf dem Arm im Türrahmen lehnte, und nicht auf die verschiedenfarbigen Flecken auf meiner Strickjacke geachtet.



Seit etwa einem Jahr haben wir einen neuen DHL-Mann, und es war eine ganz schöne Umgewöhnung. Ich war sogar kurzzeitig etwas empört. Nicht, dass der "Neue" weniger freundlich wäre. Er grüßt, er winkt dem Kleinkind zu, das hinter der Tür vorguckt, liefert Päckchen ab und wünscht einen schönen Tag. Aber es ist eben nicht dasselbe.

In Schleußig kennt man irgendwann die meisten Gesichter. Da ist die dicke Nachbarin von Gegenüber, die sich mehrmals am Tag aus dem Fenster lehnt und guckt, was so passiert. Sie kann bis in unsere Essecke sehen, und manchmal morgens ertappt sie mich, wie ich zurückstarre.

Wegen der Rüschengardine und der altbackenen Vokuhila-Frisur dachte ich immer, es mit einer frühvergreisten Mutti zu tun zu haben. Bis ich ihr mal auf der Straße begegnete und nicht nur feststellte, dass ihr Mann der dicke Langhaarige mit dem "Wacken"-Aufkleber am VW-Bus ist, sondern sie unterhielt sich gerade auch sehr fröhlich mit ihrem Sohn übers Kiffen.

Da ist auch das traurige Häufchen Biertrinker vor dem Späti an der Ecke. Einer davon hat einen einbeinigen Hund, ein anderer sitzt immer zwei Meter abseits von den anderen. Alle sind sie laut, vulgär, und pinkeln an die Hauswand nebenan.

Da ist die Kassiererin im Konsum auf der Kö. Sie hat meinen Sohn ins Herz geschlossen, freut sich wenn wir kommen, aber erzählt uns immer dieselben Geschichten, als hätten wir sie noch nicht gehört. Es ist schwer und unhöflich, weiterzugehen, wenn man es eilig hat, aber da sie nahtlos mit der nächsten Person in der Schlange weiterredet, dachte ich bisher, sie würde uns eh nicht besonders bemerken. Bis ich sie neulich an der Haltestelle in der Bahn vorbeifahren sah, mit ihrem Enkel, über den wir schon mehr wissen als seine eigenen Eltern. Und sie zeigte aufgeregt auf mich und den kleinen Herrn F., der ihr winkte.

Und natürlich gibt es auch noch Ahmad, den Späti-Besitzer. Bis vor kurzem wusste ich nichts von ihm außer seinem Namen, seiner Vorliebe für arabische Fernsehserien und dass er oft im Laden mit seiner Familie skypet. Einmal durfte ich in die Kamera winken, als er seiner Familie zeigen wollte, wie Halloween in Deutschland aussieht:



Dann erschien ein Beitrag über ihn bei mephisto 97.6, dem studentischen Radio der Universität Leipzig, und ich erfuhr, dass er im Irak Tiermedizin studiert hat.

Das Wichtigste über Ahmad ist aber: Immer, wenn mein Mann Zigaretten holen geht, gibt Ahmad ihm ein Bonbon für mich mit. Er sagt "für den Kleinen", grinst aber und weiß ganz genau, dass ich es aufesse, bevor das Kind es zu Gesicht bekommt.

Wenn ich diese Liste lese, komme ich mir gerade ein bisschen vor wie bei "Gilmore Girls".

Hach.

Kommentare:

  1. Ach schön. Du bist ein deiner Umgebung ja ganz schön verwurzelt, so scheint es mir zumindest. Gesichter, Geschichten, Schicksale und Anekdoten vom Küchentisch bis zum Zigarettenkauf. Herrlich. Mir scheint, ich lerne immer mehr von dem erzählenden Menschen kennen, wenn diese wiederum von ihren unbemerkten Menschen erzählen. Ist das, was wir über den vertrauten Fremden berichten können, was wir über sie denken, doch unbemerkt ein Einblick in unser Inneres? Es berührt mich auf jeden Fall, damit kann es kaum oberflächlich sein...erstaunliche Erkenntnis zu dieser Blogparade.

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    1. Das mit der Verwurzelung ist mir auch erst beim Schreiben aufgefallen :-)
      Ist aber erst mit Kind so schlimm geworden. Wir sind halt das Biedermeierviertel mit den vielen Jack-Wolfskin-Familien :-)

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  2. Oh ja, der Gilmore Girls-Vergleich trifft es! So komme ich mir in meiner Straße auch manchmal vor :-)
    Schöne Menschengeschichten!
    LG, Roxy

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