Mittwoch, 12. Oktober 2011

Walk, Slut, walk!

Ich weiß nicht, wie oft ich in letzter Zeit in meiner Funktion als Vorzeige-Feministin meines Bekanntenkreises (wahrscheinlich bin ich einfach nur die einzige, die sich diesen Stempel aufdrückt) gefragt wurde, was ich denn von den sogenannten Slutwalks halte.

Bild: Oh my fucking high heels... by Eris Maximo. Lizenz CC NC-SA 3.0



Zuallererst muss ich zugeben: Ich hasse Menschenmengen. Wirklich, ich verabscheue jede Art von Zweck, und wenn es nur das Einkaufen ist, die mich dazu zwingen, einem anderen Menschen näher auf die Pelle zu rücken, als meine Intimsphäre zulässt, und das wären zwei Meter Abstand. Wie bei den meisten Misanthropen ist lediglich die Libido stärker, aber ganz im Allgemeinen wäre ich gern wie der Bubble Boy, nur ohne die neurotische Mutter, meine eigene reicht mir.

Ja, ich bin eingebildet und abgehoben, und ja, ich halte mich für den meisten Menschen meiner direkten Umgebung überlegen, ergo ist mir jede Demonstration und die künstliche Erschaffung eine Kollektivwillens oder auch nur -bedürfnisses mehr als zuwider.

Zum zweiten habe ich so meine Probleme mit dem Begriff "Slut". Nicht wenige Frauen und auch dezidiert Feministinnen haben bemängelt, durch die Umkehrung seiner Bedeutung in etwas Positives werde trotzdem das Label "Schlampe" aufrechterhalten, und nicht wenige kritisieren wie ich diesen pseudospaßig-jugendlichen "sexpositiven" Feminismus, der heutzutage von den Charlotte Roche-Fans dieser Welt propagiert und angeblich auch gelebt wird (auch daran hab ich so meine Zweifel, aber who cares).

Ich persönlich wurde schon oft genug "Schlampe" getauft, ausgesprochen oder nur gedacht, von Männern wie Frauen, von solchen, die mich kennen wie solchen, die sich einfach nur gern Meinungen bilden, aber immer von Leuten, die ein Problem mit meinem Aussehen, meiner Kleidung, meinen Ansichten, meinem Benehmen oder ganz einfach nur mit Frauen hatten. Würde ich mir diesen Stempel selbst anhaften, müsste ich also auch nur einem von ihnen Recht geben, und das täte ich doch eher widerwillig.

Zudem kommt als drittes meine eigene politische Überzeugung und mein Unwillen, mich auf Krampf mit allen solidarisch zu zeigen. Es stört mich, dass die neueren und vor allem jüngeren feministischen Bewegungen allesamt von links vereinnahmt werden, ohne dies je zu hinterfragen. Wann immer es um Gleichstellung der Geschlechter geht, kommt gleich einer mit der kulturellen Vielfalt, mit dem Kapitalistischen System und seinen Verlierern, mit der Solidarität von einer "Minderheit" zur nächsten.

Aktuellstes Beispiel dafür und letztendlich Anlass für mich, diesen Text zu schreiben, war dieser Artikel und die kollektiv geäußerte Empörung darüber, was für eine "weiße" Veranstaltung Slut Walks seien.

Muss man denn wirklich überall Vielfalt erzwingen, wenn sie sich nicht von allein einfindet? Muss man die Bevormundung, ein braves Mädchen zu sein, wirklich durch eine neue, nämlich ein tolerantes Mädchen zu sein, ersetzen? Ist jetzt nicht einmal der König aller Gutmenschen, John Lennon, davor sicher, zugunsten der political correctness zensiert zu werden?

Also, ja, ich halte Slut Walks für eine gute Erfindung, wenn es darum geht, ein allgemeines Statement zu setzen, dass mein Körper eine Ansichts- und keine Einladungskarte ist. Ich bin unbedingt dafür, gerade jüngeren Frauen zu zeigen, dass sie sich nicht alles gefallen lassen müssen, dass es Menschen gibt, die verstehen, dass sexuelle Übergriffe nicht durch die "falsche" Kleidung provoziert werden, und dass man sich nicht dafür schämen muss, wenn einen irgendwelche Idioten für eine Schlampe halten. So what?

Aber ich möchte auch weiterhin meine eigene, verbohrte, überhebliche und meistens ziemlich egoistische Meinung vertreten dürfen. Denn wie jede intolerante, narzisstische Schlampe halte ich Feminismus nicht für den ganz großen Klassenkampf, sondern für die Art, selbstständig zu denken, die mich dazu befähigt, morgens in den Spiegel zu sehen und, nach der Frage, wie Alice Cooper erst aussehen muss, wenn er aus dem Bett steigt, tatsächlich mit mir selbst leben zu können.

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